Als wir Gongsun Sun verließen, hatte dieser gerade einen Sieg über den Yuan-Clan südlich des großen Yanmen-Tores errungen.
Doch der Beigeschmack des Sieges war bitter, denn die Verluste der Schlacht wogen schwer.
Fast ein Drittel der eingesetzten Truppenverbände war im Verlaufe des brutalen Gemetzels kampfunfähig geworden.
Und noch während der General über das Feld ihres Sieges schritt, seinen Männern beim Bergen der Verwundeten und Toten zusah und sich wieder einmal die Tatsache in Erinnerung rief, dass es nur dem Opfer seiner Krieger zu verdanken war, dass sie den Yuan-Clan in die Flucht geschlagen hatten, eilte ein Bote zu Pferde herbei. „Bericht!“, rief er, sprang inmitten der Gefallenen von Pferd und sank, den Schwung seiner Bewegung ungalant abfangend, vor Gongsun Sun auf die Knie. „Mein Lord!“, begann er atemlos und verneigte sich tief – als wenn das die schlechten Nachrichten ein wenig gemildert hätte. „Soeben sind drei Armeen des Yuan-Clans entdeckt worden, die sich in hoher Geschwindigkeit nähern.“
„Drei Armeen?“, brachte der Kommandeur der Westfront heraus.

Ja, in der Tat! Es sind DREI Armeen!
Er konnte es nicht fassen. Wäre es für den Yuan-Clan nicht einfacher gewesen, das nur noch schwach verteidigte Xin Xing anzugreifen und zu erobern, um ihm selbst die Basis seines Vorstoßes zu nehmen?
Nein, begriff er schließlich. Das Ziel des Yuan-Clans war es nicht, ihm die Operationsbasis zu nehmen, denn war deutlich effektiver als einem guten Kommandeur die Basis zu entziehen? Der Basis den Kommandeur zu nehmen.
Jeder gute Kommandeur konnte mit einem gewissen Maß an Organisationskunst und einer stabilen Nachschublinie ein Lager im Land des Feindes errichten. Und selbst wenn man es gewagt hätte, Xin Xing zu attackieren, so wussten die Yuans, dass die Mauern der Stadt hoch und ihre Verteidiger kampferprobt waren. Ein direkter Angriff auf die Stadt wäre einem Selbstmord gleich gekommen, so lange den Verteidigern die Hoffnung blieb, dass ihnen eine Entsatzarmee zur Hilfe eilte.
Aber wenn es offenbar wurde, dass der Entsatz nicht kam, dass ihrer aller Kommandeur im Kampf mit dem Feind gefallen war, wie würde es dann aussehen?
Welcher Krieger wagte es, sich im Angesicht der drohenden Niederlage gegen den ihn weit überlegenden Gegner zu erheben?
Wer entschied, sein eigenes Leben im Dienste einer verlorenen Armee zu fristen, anstatt überzulaufen und mit ein wenig Glück eine neue Chance zu erhalten – zumindest jedoch zu überleben?
Gab nur einen Weg, dieser Gefahr zu begegnen.
Als sie später im Zelt des Lagerkommandanten zusammenkamen, um ihre Strategie zu diskutieren und auf das ihnen gewogene Schlachtenglück tranken, senkte der junge General sein Trinkgefäß. „Soweit ich mich erinnere, gibt ein fünfzehn Li südöstlich von hier eine recht steil abfallende Bergflanke. Dort werden wir sie erwarten.“ Als Li bezeichnete man die Chinesische Meile, ein nicht näher definiertes Längenmaß, das man aber in der Zukunft als einen halben Kilometer umrechnen wird.
Dann wandte er sich an die Offiziere und den Lagerkommandanten. „Gebt mir so viele Männer wie ihr entbehren könnt. Ich werde mich dem Feind stellen und ihn niederringen.“
„Aber mein Lord …“, wandte sich Gongsun Wu, ein Berater von Gongsun Sun, an seinen General.
„Schon der ehrenwerte Meister Sun Tzu sagte: Wenn man den Gegner nicht in Zahl besiegen kann, dann soll man das Gelände nutzen“, bemühte sich der junge Heerführer, eine eventuell nachfolgende, sorgenvolle Äußerung zu unterbinden. Ganz verhindern konnte er sie dennoch nicht.
„Sagte Sun Tzu nicht, dass, wen man den Gegner nicht besiegen kann, man ihm ausweichen sollte?“
Natürlich hatte Wu damit recht, doch das half ihm nicht weiter. Die Entscheidung war gefallen.
„Wenn der Gegner bergauf kämpfen muss, dann ermüdet er schnell. Außerdem kann man ihn so besser unter Beschuss nehmen.“ Das letzte Wort war gesprochen. Kurz darauf rief Gongsun Sun alle kampffähigen Männer zusammen und zog gen Osten, den feindlichen Armeen zu begegnen.
Der Feind hatte sich derweil zwei Gruppen aufgeilt: Zwei Armeen sollten die Truppen Gongsun Suns aufhalten, geführt von General Yuan Luo, einem der jungen, aufstrebenden Sterne des Yuan-Clans.
Die dritte Armee, geführt von Kommandant Yuan Pao, marschierte gegen Xin Xing, um dieses Versorgungslager im Gebiet des Feindes zu eliminieren, sobald die feindliche Armee besiegt war. Dabei blieb sie jedoch nur soweit von den anderen zwei Armeen entfernt, um diesen bei Bedarf Unterstützung leisten zu können, sollte die Truppe Yuan Luos unerwarteter Weise in Bedrängnis geraten.

Die feindliche Armee hat sich aufgeteilt. Die Chance für uns, sie zu schlagen. Leider habe ich nur zweitausend Mann zur Verfügung. Ob das reicht? Mal ganz ehrlich … muss ich das fragen? Meine Männer sind hoch motiviert und mein General ein Tiger … das kann doch nur gut gehen.
Wie er es vorausgesagt hatte, trafen die Truppen Gongsun Suns am Rand einer Schlucht, die man als „Schlucht der glänzenden Felsen“ kannte, auf die Armee Yuan Luos.
Die feindlichen Truppen mussten einen Engpass durchqueren, der es dem General Liaodongs erlaubte, seine eigenen Einheiten zuvor in eine taktisch überlegene Position zu bringen.

Unsere Truppe hat sich auf einer Bergflanke gesammelt, die sogar teilweise unbegehbar ist. So können wir den Feind weitestgehend in unsere Verteidigung lenken.

Doch die feindlichen Truppen sind zahlreich und gut ausgerüstet.

Erste Salven werden ausgetauscht.


Die Überraschung steht den Gegnern ins Gesicht geschrieben. Da, ganz rechts, der Herr. Seht ihr’s? Da steht es ganz deutlich: Überraschung!

Doch das hält den Gegner nur kurz auf. Bald schon stürmt feindliche Kavallerie gegen meine Reihen. Können wir sie aufhalten?


Die Schlacht aus der Vogelperspektive. Wie man sehen kann, fordert der Kampf einen hohen Blutzoll.



Wieder einmal bilden Elite-Bogentruppen den Kern der feindlichen Armee. Schwer gepanzert und gut ausgebildet wie sie sind, darf man diese Kerle nicht unterschätzen.

Truppenverbände eingefärbt. Aua, aua, das sieht nicht gut aus.

Der Feind drückt gegen meine linke Flanke. In einer wilden Abwehrschlacht gelingt es, den Gegner zurückzuwerfen.



Und während wir auf der einen Seite einen Vorstoß erzielen, gelingt es dem Feind an anderer Seite, durch meine Linien zu brechen. Meine Bogenschützen sind in Gefahr!


Ach ne, doch nicht. Die wissen sich schon zu wehren.

Der Einbruch ist abgewehrt! Doch das hält den Gegner nicht auf. Er versucht es erneut.




Doch der Sieg ist nicht mehr abzuwenden. Die feindlichen Streitkräfte sind vollkommen demoralisiert und fliehen.

Jagt sie zum Teufel, Männer!

Sieg! Nein, wie heroisch!
Als sich Gongsun Sun vom Schlachtfeld erhob, waren zwei Armeen geschlagen. Yuan Luo lag irgendwo tot, begraben zwischen toten Kriegern und Pferden, und das Jammern und Klagen der Verwundeten waberte über das Schlachtfeld wie dichter Nebel.
„Mein Lord“, trat Kommandant Wu an ihn heran. „Meine Späher berichten, dass es einigen Soldaten des Feindes gelang, vom Schlachtfeld zu fliehen und sich in das Lager der dritten Armee zu flüchten. Es heißt die Armee macht sich bereit, uns anzugreifen.“
Gongsun Sun nickte nachdenklich, betrachtete eine im Staub liegende, mit Blut besudelte Standarte des Feindes. „Wir marschieren einige Li gen Westen. Erwarten wir den Gegner an der nächsten Anhöhe.“
Wu nickte. „Mein Lord“, verneigte er sich und ging, den Befehl auszuführen.
Die Armee Yuan Paos erreichte sie in der darauffolgenden Nacht.

Jetzt habe ich nur noch anderthalbtausend Mann. Aber das sind immer noch mehr als der Gegner hat.

Die Nacht hat bereits eingesetzt. Meine Truppen erwarten den Feind.

Noch weiß die Armee Yuan Paos nicht, was ihnen bevorsteht. Doch das werden sie bald erfahren.

Die ersten Brandpfeile werden geschossen, markieren die Position des Gegners sowie den Angriffsbefehl für alle Truppen. Kurz darauf geht der Feuersturm los.


Der Gegner stürmt mir entgegen.

Aber seine Infanterie läuft in meine bereits vorbereiteten Speerkämpfer.




Aber obwohl seine erste Angriffswelle niedergeschossen wurde, greift der Gegner weiter an.



Doch auch diese Gruppe wird zerstört. Schließlich bleibt den letzten Infanteristen nur noch die Flucht.

Das Ergebnis spricht für sich, oder?
Als der Morgen graute, war auch diese Armee geschlagen. Siegreiche Soldaten streiften über das Schlachtfeld, suchten nach Kameraden oder Wertsachen ihrer Feinde.
Gongsun Sun betrachtete die aufgehende Sonne. Wunderschön rot und kräftig erhob sie sich hinter den Bergen wie ein Vorzeichen des Himmels.
„Mein Lord“, begab sich Wu an seine Seite. Sein Gesicht war mit geronnenem Blut bedeckt. „Der Feind flieht. Was sollen wir tun?“
„Lasst sie laufen“, gab der General nach einiger Zeit zurück. „Es kann uns nur nützlich sein, wenn sie ihren Herren von ihrer Niederlage berichten.“ Er ließ einige Zeit verstreichen, bevor er erneut das Wort erhob. Gleich den Seelen der Getöteten verlor es sich in der kühlen Morgenluft. „Sammelt die Verwundeten und schickt zum Lager. Der Rest der Armee kehrt nach Xin Xing zurück.“
Und was Gongsun Sun da erlebt, erfahren wir im nächsten Kapitel.